Wetterfeste Stähle – wenn Rost schützen kann
Viele Besucher der Expo 2010 in Shanghai, die vor dem Australien-Pavillon gestanden haben, wollten ihren Augen nicht trauen. Ist die Fassade wirklich so verrostet? Einige berührten sogar vorsichtig die Pavillon-Wand, um festzustellen, ob der Rost abplatzt oder nicht.
Pavillon von Australien auf der Expo 2010 in Shanghai, Quelle: Eigene Aufnahme
Ja, es stimmt, der Pavillon, dessen Form und Farbe an den berühmten australischen Berg Ayer’s Rock erinnern sollte, ist regelrecht verrostet und der Rost platzt nicht ab. Warum? Weil er aus einem wetterfesten Stahl gebaut wurde, der weltweit häufig als Corten-Stahl bezeichnet wird. Und dieser Stahl verdient eine spezielle Anerkennung, da er einen echten Beitrag zum Schonen der Umwelt sowie zum nachhaltigen Leben leistet. Wie ist dies wieder möglich?
Wetterfeste Stähle schützen sich von der Korrosion selbst, durch natürliche Bildung einer schützenden Rostschicht. Die Rostschicht bildet und erneuert sich stetig mit der Bewitterung. Sie erneuert sich auch selbstständig nach einer Beschädigung, sie ist selbstheilend. Dadurch benötigen wetterfeste Stähle keine Pflege, keinen Korrosionsschutz. Geld sowie Umwelt werden nicht weiter beansprucht. Diese Stähle arbeiten sozusagen im Einklang mit der Natur.
In China ist der Corten-Stahl noch wenig bekannt, in Europa und in Amerika dagegen ist er kein Neuling. Er kam in den Sechzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts „in Mode“. Besonders in den USA und in der Schweiz war der Stahl ein beliebtes Baumaterial. Danach ging jedoch das Interesse der Architektur an Fassaden aus Corten-Stahl zurück, da die damalige Luftverschmutzung in Europa zu einer beschleunigten Korrosion führte. In der letzten Zeit erlebt aber der Stahl seinen zweiten Frühling und man kann ihm in vielen Bereichen, bei verschiedenen Anwendungen begegnen. Das konnte man auch sehr gut bei der Expo 2011 in Shanghai beobachten.
Der klangvolle Name „Cor-Ten-Stahl“ entstammt aus englischen Wörtern corrosion resistance und tensile strength. Damit wird gesagt, dass der Stahl Korrosionsbeständigkeit mit guter Festigkeit verbindet. Bei der Korrosionsbeständigkeit handelt sich, genauer gesagt, um die Witterungsbeständigkeit, d.h. um Resistenz gegen atmosphärische Korrosion, gegen Einflüsse wie Regen oder hohe Luftfeuchtigkeit. Die Wetterfestigkeit bedeutet hier, dass der Corten-Stahl bei ungeschütztem Einsatz einen im Vergleich zu einem „normalen“ unlegierten Stahl erhöhten Widerstand gegen die atmosphärische Korrosion aufweist. Die Ursache dafür ist eine schützende Deckschicht, die sich auf seiner Oberfläche unter dem Einfluss der Bewitterung ausbildet. Diese Deckschicht ist nichts anderes als der altbekannte Rost. Nun in diesem Fall ist er eine positive Erscheinung, er haftet auf der Stahloberfläche sehr gut und er schützt den Stahl vor der weiteren Korrosion. Eben ein Rost, der schützen kann, kein schlechter, einfach ein guter und äußerst erwünscht. Er wird auch stolz als Stahlpatina genannt.
Die mit dem Rost bedeckten Stahlflächen zeigen ein erstaunliches Farbspektrum, was schon längst auch viele Bildhauer entdeckt haben. Es gibt sehr viele Skulpturen, bei denen diese Effekte ausgenutzt werden. Ein schönes Beispiel dafür ist die Skulptur „To the Knee“ von Tony Cragg, die den Weg zum Eingang des Skulpturenparks Waldfrieden weist.
Skulptur „To the Knee“ von Tony Cragg im Skulpturenpark Waldfrieden, Quelle: Faszination Stahl, Heft 16
Viereinhalb Meter hoch und aus wetterfestem Stahl gefertigt, tänzelt sie dem Betrachter voller Leichtigkeit entgegen. Eine Skulptur, die auf eindrucksvolle Weise zeigt, welche Möglichkeiten im Material stecken und welche Ausdruckskraft man ihm entlocken kann.
Aber vor allem sehen wir den Stahl als Fassaden, die keine Wartung brauchen und oft architektonisch sehr beeindruckend sind. Hier kann als ein Beispiel die ganz neue Fassade des Museums Shalom-Holon in Tel-Aviv dienen, die aus fünf wellenförmig geschwungenen Bändern aus verwittertem Corten-Stahl besteht.
Design Museum Shalom-Holon in Tel-Aviv, Quelle: www.baunetz.de
Diese Fassade wird als “rosarote Luftschlange“ oder als “eine Ikone aus Stahl in leuchtendem Orange, tiefem Rot und rostigem Braun“ genannt. Auch im privaten Bereich gibt es schon viele Anwendungen für Fassaden von Einfamilienhäusern.
Die Geschichte wetterfester Stähle begann in Amerika Ende der Zwanzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts. Als Entdecker wird der Amerikaner Byramji D. Saklatwalla genannt, der einen Eisenwerkstoff mit Legierungselementen Kupfer, Chrom und Silizium zum Patent angemeldet und auf korrosionshemmende Bedeutung des Legierungselements Kupfer hingewiesen hat. Schon ab 1933 werden die Stähle in Amerika produziert. Als erstes deutsches Unternehmen stellten die Hüttenwerke Oberhausen Corten–Stahls 1959 her. Seit dem bieten viele Hersteller wetterfeste Stähle an und geben ihnen oft weitere Eigennamen wie z.B. „Diweten235“ der Dillinger Hütte GTS.
Die wetterfesten Stähle werden nicht nur für schöne Bauwerke oder Skulpturen verwendet. Auch andere Einsatzbereiche, wie Gitter- und Lichtmaste, Brücken, Container sind gut bekannt. Ein gutes Beispiel dafür ist die Brücke des 25. April in Lissabon, die in 19967 fertiggebaut wurde und zu den größten Hängebrücken der Welt gehört.
Brücke des 25. April in Lissabon; Quelle: privat von Irlene Torquato
Wir werden sicher immer öfter über neue Einsätze des Corten-Stahls lesen können. Auch eventuell in ganz ungewöhnlichen Quellen, wie es einmal mit einem Rundbrief der Benediktinerabtei Kornelimünster war, wo Folgendes mitgeteilt wurde: …“ das Emblem der Abtei wurde in Corten-Stahl gefertigt zur Straßenseite hin angebracht. Das Abtei-Wappen sowie unsere Hausnummer, ebenfalls aus Corten-Stahl, wurde am Paradies befestigt“…
Die Zukunft des Corten-Stahls ist sicher rostig aber auch und ganz rosig.
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